Wer an Madrid denkt, denkt meist an Architektur, Fußball oder Shopping. Doch im Einkaufszentrum „intu Xanadú“ wartet ein besonderes Highlight: Das Atlantis Aquarium. Es ist das einzige Aquarium in einem spanischen Einkaufszentrum und verspricht eine Mischung aus Edu-Tainment und moderner Meeresbiologie. Ein Vor-Ort-Check zeigt, wie barrierefrei und inklusiv dieses Erlebnis wirklich ist.
Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus dem Zentrum von Madrid ist für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen auf gar keinen Fall zu empfehlen. Die Fahrt ist lang, erfordert mehrfaches Umsteigen zwischen Metro und Bus, und die Barrierefreiheit ist an den Umstiegspunkten nicht gegeben. Oft fehlen Absenkungen, die Haltestelleninseln sind extrem schmal und von unbefestigtem Schotter umgeben. Die Anreise mit dem eigenen PKW ist zwingend notwendig.
Der Besuch beginnt an der Infokasse, wo die Tickets erworben werden. Hier zeigt sich ein starker Fokus auf Inklusion: Das Personal gibt direkt am Counter das grüne Sunflower-Band für unsichtbare Behinderungen aus. Zudem kann kostenlos Lärmschutz-Kopfhörer für Kinder und Erwachsene ausgeliehen werden.
Besonders stark: Der spezielle Autismus- und Inklusions-Guide („Cuaderno de Apoyo“) liegt als gedrucktes Handout nebst einem Stift bereit oder kann digital auf einem Tablet genutzt werden. Da das Dokument auch vorab online abrufbar ist, bietet es die perfekte Möglichkeit zur visuellen Vorbereitung („Social Story“), um Ängste im Vorfeld abzubauen.
Anschließend geht es in den eigentlichen Eingangsbereich, wo ein Erinnerungsfoto gemacht wird. Erst danach folgt die Wahl zwischen den drei Wegen für den Abstieg: Rechts führt eine Erlebnisrutsche nach unten, in der Mitte eine breite Treppe und links ein Aufzug, der lobenswert breit für E-Rollstühle und Kinderwagen ist. Unten angekommen, leitet ein Farbleitsystem auf dem Boden (von Gelb über Grün und Blau bis Rot) intuitiv durch die Themenwelten.
Für die jüngsten Besucher bietet das Aquarium ein interaktives Pass-System. Mit dem an der Kasse ausgegebenen Stift können die Kinder verschiedene Aufgaben und Mutproben im Heft abhaken. Das Besondere dabei ist die Wahlfreiheit: Wer sich eine Challenge nicht zutraut oder sie aufgrund einer Mobilitätseinschränkung nicht absolvieren kann, nutzt einfach die barrierefreie Alternative.
So kann ein projizierter, virtueller Lavastrom entweder mutig überquert oder reizarm am Rand umgangen werden. Auch bei einer Erlebnisbrücke gibt es stets die Option, den Weg außen herum zu wählen. Für zusätzliche Bewegung sorgt eine kleine Boulder-Kletterwand für kleinere Kinder, die mit einem weichen, sturzdämpfenden Boden ausgestattet ist.
Am Ende des Rundgangs wird der Pass in eine mechanische Prägemaschine gesteckt. Mit dieser Prägung als Nachweis wartet am Ausgang ein kleines Geschenk sowie eine Inklusions-Medaille auf die Kinder – ein großartiges Erfolgserlebnis.
Ein echtes Highlight sind die QR-Codes an den Becken. Diese sind konsequent niedrig angebracht – ideal für Kinder und Rollstuhlfahrer. Auch die interaktiven Tische sind technisch auf dem neuesten Stand. Entlang des Weges, vor allem im weitläufigen blauen Bereich, wurden nachträglich geschwungene Sitzbänke installiert. Aufkleber auf diesen Welle-Bänken weisen explizit darauf hin, dass diese Plätze vorrangig für Menschen mit Behinderungen, Schwangere und Menschen mit unsichtbaren Behinderungen reserviert sind.
Es gibt jedoch auch Verbesserungspotenzial bei der Sichtbarkeit:
Beschilderung: In der grünen „Rio-Zone“ hängen die Missions-Schilder für Kinder viel zu hoch. Kinder und Rollstuhlfahrer können sie weder sehen noch lesen.
Kontraste: Einige Stationen und Challenges sind sehr dunkel gehalten. Hier fehlen oft kontrastreiche Markierungen an den Treppenstufen (z. B. an der ersten und letzten Stufe), was ohne LED-Hilfen zur Stolperfalle wird.
Sitzposition: Bei einigen Erlebnisstationen sind die Infotexte im Sitzen aufgrund von Lichtspiegelungen oder Punktierungen auf den Scheiben nicht lesbar.
Das Atlantis Aquarium setzt echte Maßstäbe im Umgang mit Autismus und Reizüberflutung:
Geld-zurück-Garantie: Wenn Besucher mit Asperger-Autismus oder Familien merken, dass der Tag zu reizintensiv ist oder ein Kind einen schlechten Tag hat, wird der Ticketpreis anstandslos zurückerstattet – kein Gutschein-Zwang! Das nimmt den enormen Druck heraus und ermutigt Betroffene, einen Besuch flexibel auszuprobieren.
Der Rückzugsraum (Relax Raum): Ein großes, ruhiges Klassenzimmer, das an Wochenenden und Nachmittagen als „Quiet Room“ dient. Es bietet Teppichboden, viel freie Fläche zum Bewegen oder Hinlegen, Spielsachen, Malsachen und Kuschel-Pinguine auf Bodenniveau. Aktuell wird hier aktiv getestet, welche Ausstattung am besten benötigt wird. Der Raum bietet ein aufgeräumtes, reizarmes Ambiente und kommt bei Besuchern, die eine Auszeit brauchen, hervorragend an.
Ein interessanter digitaler Ansatz sind die QR-Codes an ausgewählten Stationen, über die Videos in Gebärdensprache abgerufen werden können. Dies betrifft aktuell die spanische Gebärdensprache (LSE) und deckt bisher nur Teile der Ausstellung ab – das Management sieht dies jedoch als laufenden Entwicklungsschritt, der kontinuierlich ausgebaut werden soll.
Zudem arbeitet das Team eng mit Blindenverbänden zusammen, um die Barrierefreiheit für Sehbehinderte bis 2027 weiter zu optimieren. Auch wenn die großen, begleiteten Gebärdensprach-Führungen für Menschen mit Hörbehinderung derzeit aus Budgetgründen pausieren, ist der tief verankerte Wille zur umfassenden Inklusion in fast jedem Bereich spürbar. Ein großes Lob an die Kette für dieses Engagement.
Allgemeine Infos zur Barrierefreiheit
Hier gibt es den Leitfaden, Informationen zu ruhigeren Uhrzeiten für einen entspannteren Besuch sowie weitere Erläuterungen.
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Mehr InformationenDanke an Paula Calatraba und ihr Team für die guten Gespräche und die Rundtour. Ich freue mich auf ein erneutes Treffen in Madrid und den Austausch in der Gruppe.
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